von Sonia Simonitto

Als ich als Mitglied des Verbandes die Einladung zur Veranstaltung „Open Dialogue: Die finnische Antwort auf psychiatrische Krisen“ erhalten habe, habe ich mich als interessierte und direkt betroffene Person, vor allem aber als sensible Frau und neugierige Mutter, die offen für „innovative Behandlungsansätze psychiatrischer Krisen“ ist, von meinen beruflichen Verpflichtungen frei gemacht um am 05. April 2018 in Bozen an der Vorstellung dieser Methode teilnehmen zu können.

Ich war voller Hoffnung, von wissenschaftlich erforschten, wirksamen alternativen Methoden als Wahlmöglichkeit oder zumindest als Ergänzung zur pharmakologischen Therapie, die in vielen Diensten immer noch als einzige Behandlung für junge Menschen angeboten wird, zu erfahren.

Die Präsidentin des Verbandes Renate Ausserbrunner führte in den Nachmittag ein. Anschließend wurde die Methode des Open Dialogue vom Team rund um Giuseppe Salamina anhand einer Power Point Präsentation vorgestellt, gefolgt von einer praktischen Übung zum Offenen Dialog in Kleingruppen mit abschließendem Austausch in der Gruppe.
Referent/innen der Veranstaltung, bei der die Methode des Finnen Jaakko Seikkula vorgestellt wurde, waren
Giuseppe Salamina, Leiter des Dienstes für Hygiene und öffentliche Gesundheit in Turin, Abteilung Prävention, die Psychologin Chiara Tarantino und die Krankenpflegerin Claudia Alonzi.

Ungefähr 50 Personen nahmen am Informationsnachmittag teil. Darunter waren vor allem Fachpersonen aus den (sozial)psychiatrischen Diensten, aber auch Freunde, Angehörige und Mitglieder des Verbandes.

Offener Dialog – historische und geografische Informationen
Die Voraussetzungen für diese Methode haben ihren Ursprung vor weit über 50 Jahren in einem geografischen Gebiet, in dem Schizophrenie sehr häufig vorkommt. Einigen Studien zufolge liegt das unter Umständen auch an den extremen klimatischen Lebensbedingungen. Dieses besagte Gebiet liegt nämlich in Finnland, genauer gesagt in Lappland.

Im Jahr 1968 schafft Yrjö Alanen im Rahmen des „Turku Schizophrenia Project“ die Voraussetzungen für die Methode, die später von Seikkula weiter entwickelt wurde und an die er seinen „an die Bedürfnisse angepassten“ Ansatz hinzufügte. Dieser basiert auf den folgenden 5 grundlegenden Elementen: frühzeitiges Eingreifen, flexible und individuelle Behandlungstätigkeit, therapeutische Haltung, Einbezug und Kooperation, konstante Beobachtung und Überprüfung der Ergebnisse. Im Rahmen des “Finnish National Schizophrenia Project” (1981 – 1987) begründet und entwickelt Jaakko Seikkula 1981 die Methode des „Open Dialogue“ und führte während seiner Arbeitszeit in Keopoudas erste Versuche in Westlappland durch.

Nach der Veröffentlichung und Verbreitung der Ergebnisse in der anerkannten Fachzeitschrift „Science“ im Jahr 2014 (Vol. 343 no. 6176 pp. 1190-1193 -Source: Balter, M. “Talking Back to Madness”) wurden einige Experten und Wissenschaftler unterschiedlicher Herkunft neugierig und begannen, den „Open Dialogue“ anzuwenden, so dass dieser Ansatz mittlerweile an einigen Orten in verschiedenen westlichen Ländern erprobt wird.

In Italien hingegen erfasste Giuseppe Salamina die Ergebnisse dieser Methode und begann 2015 die Arbeit mit der Methode des Open Dialogue in den Psychiatrischen Diensten in Italien zu fördern. Es sind nicht nur die Daten über die Heilung (81 % nach 24 Monaten – eine im Vergleich zu anderen Methoden herausragende Zahl), die Salamina beeindrucken, sondern auch die signifikant niedrigeren Kosten, die dieser finnische Ansatz im Vergleich zum psychiatrischen Versorgungssystem in Italien verursacht.

Dank des Einsatzes von Salamina und seinen Mitarbeiterinnen sowie der Ausbildung, die finnische Fachpersonen in Italien durchgeführt haben, gibt es heute in Italien ungefähr 100 „Dialogische Therapeut/innen“, die damit beginnen, die Methode in 8 Zentren für psychische Gesundheit in folgenden Städten anzuwenden: Turin, Savona, Rom, Triest, Catania und Modena. Das Team des Open Dialogue ist multiprofessionell: Psychiater/innen, Psycholog/innen, Psychotherapeut/innen, Krankenpfleger/innen, Sozialassistent/innen – alle ausgebildet in systemischer Familientherapie.

Was bedeutet Offener Dialog?
Der Offene Dialog ist eine Methode, welche die gesamte Familie und das soziale Netz der Patient/innen mit einbezieht. Schlüsselwort des Offenen Dialoges ist „Teamarbeit“.

Ganz seinem Namen entsprechend, basiert der Offene Dialog auf dialogischer Praxis. Das dialogische Team hört zu, ist offen, flexibel, orientiert sich daran, die Bedürfnisse der Patient/innen und Angehörigen zu erkennen und zu lesen. Die pharmakologische Behandlung tritt in den Hintergrund und es wird versucht, den Einsatz neuroleptischer Antipsychotika zu vermeiden oder auf ein Minimum zu reduzieren.

Bei der dialogischen Methode finden die Besprechungen des Teams nur in Anwesenheit der Betroffenen selbst statt. Ganz nach dem Motto „Nichts über uns ohne uns“ finden Behandlungssitzungen nur in Anwesenheit aller statt. Die Fragen der Patient/innen und der Angehörigen sind offene Fragen, die sich an alle Anwesenden gleichermaßen richten.

Die Teamsitzungen finden immer bei den Betroffenen zu Hause statt und werden von einem multiprofessionellen, speziell geschulten Team durchgeführt und stützen sich auf Prinzipien wie Gastfreundschaft, Respekt und Menschlichkeit.

Die Treffen zu Hause finden beim ersten Mal auf dringende telefonische Anfrage oder auf Krisen folgend statt. Die weiteren Treffen werden gemeinsam mit dem Team, das die Aufgabe übernommen hat, vereinbart. Diese Treffen dauern jeweils 90 Minuten, während die folgenden Treffen zur Beobachtung der Lage bei Bedarf auch nur 30 Minuten dauern können.

Das Prinzip und das Ziel der dialogischen Treffen sind die frühzeitige Erkennung von Krisen und die schnelle Intervention innerhalb von 24 Stunden in Krisenfällen. Das einmal zugewiesene Team ändert sich nicht mehr, es begleitet die Patient/innen bis zu seiner/ihrer Genesung. Somit ist der Offene Dialog auch organisatorisch gesehen ein völlig neues Modell.

Die 7 therapeutischen Prinzipien und grundlegenden Besonderheiten des Open Dialogue sind in dieser Reihenfolge:

1) Sofortige Hilfe
Erstkontakt innerhalb von 24 Stunden – reduziert die Dauer unbehandelter Psychosen, da die Patient/innen noch offen sind für Reize und Anregungen von außen.

2) Einbeziehen des sozialen Netzwerks
Im Krisenfall wird versucht, soziale Kontakte und wichtige Bindungen des Patienten/der Patientin zu kontaktieren und in den Behandlungsprozess mit einzubeziehen.

3) Flexible Einstellung auf die Bedürfnisse
Es gibt keine festgelegten Behandlungsprogramme, im Vordergrund steht die flexible Anpassung an die jeweiligen individuellen Bedürfnisse.

4) Verantwortung
Das Behandlungsteam übernimmt die Verantwortung. Eine Überweisung an andere Dienste und wieder andere Dienste und wieder andere Dienste… ist nicht vorgesehen.

5) Psychologische Kontinuität
Gleichbleibendes Team für den gesamten Behandlungszeitraum: das soll mehr Sicherheit vermitteln und Therapieabbrüche verhindern.

6) Aushalten von Ungewissheit
Um der Unsicherheit der Klient/innen entgegenzuwirken, werden in den ersten 10-12 Tagen tägliche Treffen abgehalten. Die Fachpersonen versuchen, Unsicherheiten zu vermeiden und keine voreiligen Schlüsse zu ziehen und übereilte Entscheidungen zu treffen.

7) Förderung des Dialogs
Jede Person im Team spricht über ihre Vorstellungen und Visionen, das fördert die Entwicklung von kreativem Austausch.

Viele Teilnehmer/innen waren vom Erfolg der vorgestellten Methode überrascht, einige stellten sich die Frage, ob in unserem starren System die Möglichkeit besteht, diese Methode anzuwenden. Meine Freundin Oriana und ich sind vielleicht zu große Träumerinnen, aber deshalb noch lange nicht dumm: uns ist sofort klar geworden, dass unsere Welt eine bessere werden könnte, wenn wir alle in dieser Methode des Dialogs und des emphatischen Zuhörens geschult und erzogen würden…

Hier können Sie die Powerpoint-Präsentationen zur Veranstaltung herunterladen:
Chiara Tarantino (…hier klicken…)
Giueseppe Salamina (…hier klicken…)

Eine 74-minütige Filmdokumentation über das Westlappland Open Dialogue Projekt können Sie (…hier klicken…) anschauen.