Am 20. November 2025 fand in Bozen die Jahrestagung des Verbandes Ariadne statt – etwas kleiner, etwas ruhiger als gewohnt, aber gerade deshalb mit einer besonders konzentrierten und offenen Atmosphäre. Schon beim Betreten des Saals spürte man: Heute geht es nicht nur um Information, sondern um Begegnung, Austausch und Inspiration.
Auftakt
Den Auftakt machte Präsident Günther Plaickner, der die Anwesenden herzlich begrüßte. „Das Recovery College ist ein Bildungsangebot, das sowohl Menschen in seelischen Krisen als auch Interessierte anspricht“, erklärte er. Er hob die verschiedenen Ebenen der Unterstützung hervor – vom familiären Umfeld bis hin zur professionellen Hilfe. „Genau dazwischen setzt das Recovery College an: Es schafft Räume für Wissen, Begegnung und Teilhabe. Es ist kein therapeutisches Angebot, sondern ein Lernort, der das Bewusstsein für psychische Gesundheit stärkt“, schloss Plaickner seine Einführung.
Grußworte der Landesrätin
Soziallandesrätin Rosmarie Pamer knüpfte an diese Gedanken an und sprach über ihre Verbundenheit mit dem Verband Ariadne sowie über die Bedeutung der Angehörigenarbeit. Zudem übermittelte sie die Grußworte des Landesrates für Gesundheit Hubert Messner. Pamer hob hervor, dass Bildung, Teilhabe und das Erleben von Selbstwirksamkeit zentrale Elemente sind, die Menschen in psychischen Krisen stärken. Das Modell des Recovery College könne dabei einen wichtigen Beitrag zu einem inklusiven psychosozialen Versorgungssystem leisten. Sie betonte die besondere Chance dieses Ansatzes: Orte zu schaffen, an denen fachliches Wissen, persönliche Erfahrungen und unterschiedliche Perspektiven zusammenfließen.
Im Anschluss übernahm Moderator Luigi Loddi die Leitung der Tagung und begrüßte die beiden Referierenden Gianfranco Zuaboni aus Bern und Gianpaolo Scarsato aus Brescia.
Ein Blick nach Bern: Vision und Praxis
Gianfranco Zuaboni nahm das Publikum mit ruhiger Stimme und lebendigen Beispielen mit auf eine Reise ins Recovery College Bern und schilderte dessen Entstehen und Entwicklung. Gleich zu Beginn präsentierte er eine humorvoll nachdenkliche „Postkarte aus der Zukunft“ aus dem Jahr 2035, die skizzierte, wie ein solidarisches und zugängliches Versorgungssystem aussehen könnte. Diese kleine Vision machte deutlich: Veränderung beginnt oft im Kleinen – und sie ist möglich.
In seiner Einführung erläuterte Zuaboni die Grundprinzipien des Recovery-College-Modells auf anschauliche Weise:
- Co-Produktion: Kurse entstehen gemeinsam: Betroffene, Angehörige und Fachkräften bringen ihr Wissen und ihre Erfahrung ein.
- Bildung statt Therapie: Ziel ist es, Wissen zu erweitern, Fähigkeiten zu stärken und Selbstvertrauen aufzubauen.
- Empowerment und soziale Teilhabe: Recovery ist ein persönlicher Prozess, der gleichzeitig Gemeinschaft fördert.
Mit Beispielen aus der Praxis zeigte er, wie Menschen, die selbst Krisen durchlebt haben, ihr Erfahrungswissen einbringen. Er berichtete von einem Kurs, in dem Teilnehmende Alltagssituationen nachspielten, um Strategien zur Stressbewältigung zu entwickeln – eine kreative Mischung aus Lernen, Erleben und Reflektion. Immer wieder betonte er, wie wirksam kleine Schritte sein können: „Manchmal genügt ein Raum, in dem Menschen gesehen und gehört werden, um etwas in Bewegung zu setzen.“
Brescia: Lernen, erleben, mitgestalten
Anschließend gab Gianpaolo Scarsato Einblicke in das Recovery College Brescia. Er schilderte, wie dort in einem offenen, gemeinsamen Prozess ein Lernort entstand, in dem Betroffene, Angehörige, Fachkräfte und Bürger*innen aktiv mitgestalten. Dabei geht es nicht nur um therapeutische Angebote, sondern die Teilnehmenden bringen ihre eigenen Stärken ein und gestalten ihren Weg selbstbestimmt mit. Besonders eindrücklich machte Scarsato die Idee der Co-Produktion anhand einer Metapher verständlich: „Stellt euch vor, ihr backt gemeinsam einen Apfelstrudel mit einer erfahrenen Bäckerin“, sagte er. „Jede und jeder gibt etwas dazu – und am Ende entsteht etwas, das nur zusammen möglich ist.“ Übertragen auf die psychosoziale Versorgung bedeutet das: Fachwissen und Erfahrung begegnen sich auf Augenhöhe.
Scarsato erläuterte zudem die internationale Entwicklung des Recovery College-Modells: Von den USA über England fand es seinen Weg nach Italien. Seit 2014 hat das Recovery College Brescia mehr als 300 Kurse durchgeführt. Diese orientieren sich an den CHIME-Prinzipien (Connectedness, Hope, Identity, Meaning, Empowerment) sowie an den „Fünf Wegen zum Wohlbefinden“. Die Themen sind breit gefächert und alle Angebote werden gemeinsam von Fachkräften, Betroffenen und Angehörigen gestaltet.
Er hob hervor, wie wichtig dabei Vielfalt ist – sowohl bei den Lehrenden als auch unter den Studierenden. „Alle lernen miteinander und voneinander“, betonte Scarsato. Humor, Kreativität und unterschiedliche Ausdrucksmöglichkeiten sind dabei zentrale Elemente: Gedichte, kleine Theaterstücke oder Rollenspiele eröffnen neue Zugänge und machen Lernen erfahrbar.
Videospot und trialogische Gesprächsrunde
Dann wurde der Videospot des Verbandes Ariadne gezeigt, der die vielfältigen Perspektiven von Menschen mit psychischer Erkrankung, Angehörigen und Fachkräften eindrucksvoll sichtbar macht. Die vollständigen Gespräche mit insgesamt 13 Personen sind auf der Website des Verbandes Ariadne www.ariadne.bz.it abrufbar.
Umsetzung in Südtirol?
Den Abschluss der Tagung setzte eine trialogisch gestaltete Gesprächsrunde, moderiert von Elio Dellantonio. Betroffene, Angehörige sowie Fachleute aus Sozialem, Gesundheit und Kultur teilten ihre Wünsche, Ideen und Visionen für die Umsetzung eines Recovery Colleges in Südtirol. Sie erzählten von ihren eigenen Lern-, Lebens- und Genesungswegen und machten deutlich, wie wertvoll der Austausch auf Augenhöhe ist. Dabei zeigte sich: In Südtirol gibt es bereits eine Vielzahl engagierter Initiativen – ein Recovery College könnte diese Landschaft sinnvoll erweitern und vernetzen, weil Genesung ein individueller, aber zugleich gemeinschaftlich unterstützter Prozess ist.
Abschließend
Die ersten Schritte hin zu einem Recovery College in Südtirol sind gemacht, und die Gespräche, Begegnungen und Impulse dieses Tages wirken nach. Sie zeigen, dass Bildung, Teilhabe und Zusammenarbeit jene Räume schaffen können, in denen Hoffnung entsteht und wächst.
Hier die Unterlagen zur Tagung:
Recovery College Bern – Gemeinsam, Lernen, Genesen
Gianfranco Zuaboni
Recovery und Co-Produktion in den Diensten gestalten: Das Beispiel des Recovery College und CoLab in Brescia (in italienischer Sprache)
Gianpaolo Scarsato