Der Text stammt aus der Informationsbroschüre „Psychische Gesundheit im Kindes- und Jugendalter“, herausgegeben im Jahr 2014 vom Verband Ariadne und der Autonomen Provinz Bozen, Amt für Krankenhäuser unter der Mitarbeit von Veronika Hafner, Donatella Arcangeli, Luigi Basso, Irene Berti, Giovanni Cappello, Andreas Conca, Giulia Parolin, Roger Pycha und Georg Vallazza.

Die Erkrankung beginnt bereits im frühen Kindesalter und beeinflusst die kindliche Entwicklung tiefgreifend. Man spricht heute von Autismus-Spektrum-Störungen. Diese sind durch eine behandlungsbedürftige, lebenslange, schwere soziale Kommunikationsstörung gekennzeichnet. Es besteht ein gravierender Mangel, sozial bedeutsame Zusammenhänge zu verstehen und sich entsprechend zu verhalten.

Die Symptome können sich von Kind zu Kind in Schweregrad und Ausprägung sehr unterscheiden. Sie werden folgenden drei Bereichen zugeordnet:

1. Qualitative Auffälligkeiten der sozialen Interaktion
Diese zeigen sich durch ein gestörtes non-verbales Verhalten, welches sich in einer kaum ausgeprägten Mimik und Gestik äußert (seltene und abweichende Blickkontakte, Fehlen von sozialem Lächeln, sowie Unfähigkeit, Gefühle mimisch auszudrücken). Kinder mit Autismus zeigen kaum Interesse an anderen Kindern. Sie haben wenig Interesse an Fantasiespielen. Sie sind unfähig, Freundschaften einzugehen. Sie können kaum trösten. Oft scheinen sie andere Personen wie Gegenstände zu benutzen.

2. Qualitative Auffälligkeiten der Kommunikation und Sprache
Die Sprache ist oft repetitiv und stereotyp (sich immer wieder wiederholend und formelhaft). Etwa ein Drittel der Kinder entwickelt keine oder nur eine unverständliche Sprache. Fehlendes Sprachvermögen können sie nicht durch Mimik oder Gestik ersetzen. Oft besteht eine Vertauschung der Personalpronomina, die länger anhält, als bei normal entwickelten Kindern (sie sagen beispielsweise DU statt ICH, wenn sie von sich selbst reden). Auch bei Autisten, die gute sprachliche Fähigkeiten entwickelt haben, bestehen große Schwierigkeiten, eine Konversation zu beginnen und aufrecht zu erhalten. Sie verstehen oft bestimmte Situationen nicht oder nur auf eine sehr konkrete Weise. Ironie und Zweideutigkeit können sie nicht entschlüsseln.

3. Begrenzte repetitive und stereotype Verhaltensmuster, Interessen und Aktivitäten
Es findet sich sehr oft ein abnormes Festhalten an bestimmten Themen und Haften an Routinen und Ritualen. Die Kinder können sich nicht spontan auf etwas Neues einstellen. Plötzliche Abweichungen vom gewohnten und geplanten Tagesablauf sind für sie sehr beängstigend und beunruhigend und können zu extremen Reaktionen mit heftigen Wutausbrüchen führen. Manchmal entwickeln autistische Kinder eng begrenzte Interessen und Begabungen. Es besteht ein starkes abnormes Interesse am Erleben sehr umschriebener Sinneswahrnehmungen (z. B. drehen sie wiederholt an den Rädern eines Spielzeugautos und spielen nicht mit dem Auto als Ganzes, oder hängen an einem Plüschtier, weil eine Stelle einen für sie ganz besonderen Geruch hat, oder sie streifen mit der Hand immer wieder über eine bestimmte Stelle des Teppichs). In unterschiedlicher Ausprägung finden sich stereotype Bewegungen wie z. B. sich im Kreis drehen, „Flackern“ der Finger vor den Augen, schaukeln, auf- und abhüpfen.

Die einzelnen Symptome der autistischen Störung kommen auch in der gesunden Bevölkerung vor. Von einer Autismus-Spektrum-Störung spricht man aber erst, wenn Symptome aus allen drei oben genannten Bereichen zusammenkommen, einhergehend mit einer deutlichen Beeinträchtigung der Funktionsfähigkeit im Alltag. Sehr häufig tritt die Erkrankung zusammen mit weiteren Erkrankungen auf, man spricht von Komorbidität.

Ursachen
Autismus-Spektrum-Störungen gelten nach dem aktuellen Forschungsstand als Störungen, die immer deutlicher genetisch oder durch eine frühe Schädigung des Gehirns verursacht erscheinen. Die Entwicklung dieser Kinder ist schon früh beeinträchtigt (vor dem 3. Lebensjahr). Autistische Menschen denken anders, fühlen anders und verhalten sich anders. Die Ursachen und Beweggründe für die häufig fremdartigen, bizarren und unerklärbaren Verhaltensweisen liegen in der andersartigen Struktur ihres Gehirns.

Häufigkeit
Die Häufigkeit hat seit den 1980er Jahren von 5 pro 10.000 (0,05 %) auf 100 pro 10.000 (1 %) zugenommen. Das spiegelt aber nicht eine tatsächliche Zunahme der Erkrankungshäufigkeit wider, sondern die verbesserten Diagnosemöglichkeiten. Das heißt, heutzutage werden auch leichtere Formen erkannt.

Diagnose
Die Diagnose wird anhand von Fragebögen und im ausführlichen Gespräch mit den Bezugspersonen (in der Regel den Eltern) gestellt. Zusätzlich gibt es Tests, die die Fähigkeit der Kinder untersuchen, sich in andere hineinzuversetzen, soziale und situative Bedeutungen zu verstehen und Gefühlsausdrücke zu erkennen. Bei schwach ausgeprägten Autismus-Spektrum-Störungen und bei intelligenten Kindern erfolgt die Diagnose mitunter erst sehr verspätet (in der späten Kindheit oder Jugendzeit). Dies ist oft verbunden mit einem langen Leidensweg der Betroffenen und ihrer Familien.

Komorbidität
Häufig bestehen gleichzeitig andere Störungen wie z. B. mentale Retardierung (mit Epilepsie), soziale Phobie, ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit und Hyperaktivitätsstörung), Störungen des Sozialverhaltens, anhaltendes aggressives Verhalten, Zwänge, Depressionen oder Angsterkrankungen.

Therapie
Autismus-Spektrum-Störungen sind nicht heilbar, aber Therapien wie Psychoedukation des Kindes und der Eltern, Verhaltenstherapie des Kindes (z. B. Übungen zur Gefühlserkennung, Förderung der sozialen Kompetenz), Ergotherapie, Logopädie, Psychomotorik … sind dennoch sehr wichtig. Sie unterscheiden sich je nach Ausprägung und sind somit individuell sehr unterschiedlich. Manchmal kann der zusätzliche Einsatz von Psychopharmaka sinnvoll sein (z. B. bei ausgeprägten Konzentrationsproblemen, bei ausgeprägter Aggressivität, Impulsivität oder bei Zwängen). Übergeordnetes Ziel ist es, eine möglichst gute Funktionsfähigkeit und eine möglichst hohe Autonomie zu erreichen, indem die soziale Kommunikationsfähigkeit des Betroffenen verbessert wird, seine Verhaltensauffälligkeiten verringert werden und das Umfeld entlastet wird. Die Prognose ist umso günstiger, je früher die gezielte Förderung eintritt. Ein förderndes und unterstützendes Umfeld hat gleichermaßen einen sehr großen Einfluss darauf, inwieweit diese Ziele erreicht werden können.