Der Text stammt aus der Informationsbroschüre „Psychische Gesundheit im Kindes- und Jugendalter“, herausgegeben im Jahr 2014 vom Verband Ariadne und der Autonomen Provinz Bozen, Amt für Krankenhäuser unter der Mitarbeit von Veronika Hafner, Donatella Arcangeli, Luigi Basso, Irene Berti, Giovanni Cappello, Andreas Conca, Giulia Parolin, Roger Pycha und Georg Vallazza.

4 bis 6 % der Kinder leiden an ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit und Hyperaktivitätsstörung). Zu den diagnostischen Ansichten gibt es viel Uneinigkeit, weil die Übergänge von erhöhter Aktivität und Lebendigkeit eines Kindes zu pathologischen Verhaltensweisen der Hyperaktivität und Impulsivität nur schwer abgrenzbar sind. Außerdem besteht häufig eine Überlappung zwischen Dissozialität und Hyperaktivität. Aggressives Verhalten und Disziplinschwierigkeiten beobachtet man bei ca. 75 % der hyperaktiven Kinder. Man vermutet umgekehrt auch, dass dissoziale Probleme eine Folgeerscheinung von Hyperaktivität sein können. Bei Kindern mit einer reinen Aufmerksamkeitsstörung sind meistens auch andere Entwicklungsbeeinträchtigungen zu beobachten.

Hyperaktive Kinder erfahren aufgrund ihres impulsiven und störenden Verhaltens sehr oft Ablehnung und haben soziale Anpassungsschwierigkeiten, obwohl ein offenes, unbekümmertes Zugehen ihrerseits auf andere Kinder beobachtbar ist. Sie werden leicht zu Außenseitern. In Untersuchungen wurde festgestellt, dass sie über geringere kommunikative Fähigkeiten verfügen und auch ihre Emotionen schwer regulieren können.

Bereits bei Neugeborenen kann man eine erhöhte Wachheit sowie ein erhöhtes Aktivitätsniveau und auffallende Reaktionen auf Reize beobachten. Dies lässt aber noch nicht auf eine zukünftige Hyperaktivität schließen. Mit etwa vier Jahren kann man häufig eine starke motorische Unruhe feststellen, die sich bis ins Schulalter fortsetzt. Bei Nicht-Behandlung zeigen sich im Jugendalter nicht selten Schulversagen und häufige Verwicklungen in Unfällen sowie Suchtverhalten.

Es gibt unterschiedliche Ausprägungen:
– mit vorwiegender Hyperaktivitätsstörung (motorische Unruhe und Impulsivität) und
– mit vorwiegender Aufmerksamkeitsstörung (Schwierigkeiten in der Aufmerksamkeit für eine Aufgabe oder ein Spiel über längere Zeit) sowie
– kombiniert Aufmerksamkeitdefizit und Hyperaktivität zusammen

Zur Aufmerksamkeitsstörung gehören folgende Symptome:
– Schwierigkeiten bei einer Aufgabe oder bei einem Spiel länger zu verweilen
– es passieren immer wieder Fehler aus Unüberlegtheit
– Gegenstände werden leicht verloren
– leichte Ablenkung durch Reize von außen
– Unaufmerksamkeit bei Gesprächen (nicht aufmerksam zuhören können)
– anstrengendere Aufgaben werden gerne vermieden
– wenig Struktur und Organisation beim Erfüllen von Aufgaben oder bei Aktivitäten
– auffallende Vergesslichkeit

Bei der Hyperaktivitätsstörung bemerkt man folgende Auffälligkeiten:
– zappelige Hände und Füße, unruhiges Sitzen auf dem Stuhl
– häufiges Verlassen des Platzes im Gruppen- oder Klassenraum
– ruhige Beschäftigungen oder ruhiges Spielen sind kaum möglich
– ständiges In-Bewegung-Sein, Herumlaufen, Klettern
– ständiges Mitteilungsbedürfnis (auch Unterbrechungen von Gesprächen)
– nicht abwarten können, bis man mit dem Sprechen an der Reihe ist

Ursachen
Verschiedene Theorien berücksichtigen einen genetischen Einfluss und somit eine biologische Prädisposition. Beim Aufmerksamkeitsdefizit vermutet man eine Beeinträchtigung der Informationsverarbeitung. Modulierend wirken aber auch die Einflüsse des Umfeldes und die Eltern-Kind- Beziehung auf das Verhalten und auf die Befindlichkeit des Kindes ein.

Diagnostik
Es wird die Vorgeschichte und die Symptomatik in verschiedenen Lebensbereichen erhoben sowie eine testpsychologische und medizinische Abklärung vorgenommen.

Psychologische Behandlung
Bei psychologischer Behandlung wird der verhaltenstherapeutische Ansatz häufig verwendet, wobei das gewünschte Verhalten durch Belohnung verstärkt wird. Mit Eltern (parent training), Lehrerinnen und Lehrern (teacher training) werden Erziehungshilfen im Umgang mit betroffenen Kindern erarbeitet. Sie werden zunächst aber vor allem über die Schwierigkeiten der Kinder aufgeklärt. Elternhaus und Schule/Kindergarten bauen auf verstärkte Zusammenarbeit.

Medikamentöse Behandlung
In der medikamentösen Behandlung werden Stimulantien (z. B. Ritalin) und Atomoxetin (z. B. Strattera) verwendet. Eine Verschreibung erfolgt bei ca. 15 % der ADHS-Kinder. In Italien unterliegt die Verabreichung der Medikamente einer nationalen Kontrolle.